Alle inklusive
6. November 2013

Es geht – wenn alle es wollen

Kiel. Verschiedene Lebenswege, verschiedene Berufsalltage, verschiedene Hürden, verschiedene Lösungen – ein Fazit: „Geht doch.“ Dieses zog sich wie ein roter Faden durch den so betitelten, spannenden Nachmittag, zu dem der Lebenshilfe Landesverband mit dem Inklusionsbüro Schleswig-Holstein in Kooperation mit der FH Kiel eingeladen hatte. Im Mittelpunkt: Geschichten aus dem Berufsalltag von Menschen, die trotz oder gerade wegen ihres Handicaps ihren Mann im Job stehen. In der vollbesetzten Halle 400 hinterließen sie tiefen Eindruck.

Viele interessierte Zuschauer in der Halle 400.

Die Redner von oben nach unten: Klaus Teske, Waldemar Kunkat, Ingo Scheuse, Professor Hans Klaus.

Je nach Betonung klingt es trotzig, ermutigend, vielleicht auch ein wenig erstaunt: Geht doch. „Ein tolles Motto“, stellte Klaus Teske vom Landesvorstand der Lebenshilfe fest, der sich freute, viele Gäste zu dieser außergewöhnlichen Veranstaltung begrüßen zu können. Die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die in einem offenen, integrativen und für Menschen mit Behinderung zugänglichen Arbeitsmarkt und -umfeld frei gewählt wird – was für manche wie eine Utopie klinge, gehöre zu den Rechten, welche die UN-Behindertenkonvention in ihrem Artikel 27 zusichere. Dies betonte Waldemar Kunkat vom Sozialministerium des Landes Schleswig-Holstein. Damit das Erfolg haben könne, sei es nötig, insgesamt ein angemessenes Verständnis von Behinderung zu entwickeln. Diese sei kein individuell zu lösendes Problem oder Defizit. „Behinderung folgt aus den Rahmenbedingungen in Kombination mit persönlichen Voraussetzungen und Eigenschaften“, sagte Kunkat.

In diesem Sinne gehe es bei der Teilhabe am Arbeitsleben darum, die Unterstützung von Menschen mit Behinderung noch stärker auf individuelle Bedürfnisse auszurichten. Kunkat betonte zugleich, dass Werkstätten für Menschen mit Behinderung wertvolle Arbeit leisten und auch künftig benötigt würden. Es müssten aber auch alternative Formen der Teilhabe am Arbeitsleben entwickelt werden, um die Vielfalt des Arbeitslebens vor allem auch jüngeren Menschen mit Behinderung zugänglich zu machen. Er verwies in diesem Zusammenhang auf das Aktionsbündnis „Inklusive Jobs“ in Schleswig-Holstein.

„Unsere Mitgliedsunternehmen können bestätigen: Menschen mit Behinderung sind, wenn sie im Betrieb an der richtigen Stelle eingesetzt werden, leistungsfähige Mitarbeiter, die genauso motiviert ihren Aufgaben nachgehen wie nichtbehinderte Kollegen“, erklärte Ingo Scheuse, Hauptgeschäftsführer des Unternehmensverbandes Kiel, im Vorgriff auf die vielen Erfolgsgeschichten, die im Laufe des Nachmittags zu hören waren. Und: Inklusion gehöre zunehmend ins Portfolio der Personalverantwortlichen, um ihren Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften zu decken.

Wie ist in Unternehmen die Einstellung zu Menschen mit Behinderung? Dies war eine Fragestellung im Rahmen einer Untersuchung, auf die Prof. Hans Klaus von der Fachhochschule Kiel Bezug nahm. Ergebnis: Ausnahmslos hätten die Entscheidungsträger eine positive Einstellung geäußert. Und sie wüssten auch um die Möglichkeiten der Unterstützung z.B. in Form von Fördermitteln. „Das positive Gefühl ist da, das Wissen ist da, warum tut sich also so wenig?“, fragte sich Klaus. Die FH wolle hier im direkten Kontakt mit Unternehmen am Ball bleiben.

Landesgeschäftsführerin Bärbel Brüning mit Moderator Carsten Kock (Mitte) und Dirk Bensien von Google Deutschland.

Landesgeschäftsführerin Bärbel Brüning mit Moderator Carsten Kock (Mitte) und Dirk Bensien von Google Deutschland.

Inklusion im Allgemeinen und auf dem Arbeitsmarkt im Besonderen – kein leichter Stoff also. Bewusst hatte die Lebenshilfe einen Moderator engagiert, der mit unbekümmerter Leichtigkeit an die Materie ging. Carsten Kock (Radio Schleswig-Holstein) verstand es bestens, auf die unterschiedlichen Gesprächspartner, die er sich in kleinen Talkrunden auf die Bühne holte, einzugehen. Die gebannte Spannung im Publikum war spürbar, und am Ende stellte Bärbel Brüning, Landesgeschäftsführerin der Lebenshilfe, dankbar und tief bewegt fest: „Das, was wir wollten, das Mut-machen, ist in jeder einzelnen Geschichte sehr deutlich geworden.“ Unterschiedliche Arten der Unterstützung und Kollegialität machten vieles möglich. „Ein Thema, an dem wir noch lange arbeiten wollen“, blickte sie voraus, „wir werden nicht nachlassen und, wenn nötig, dicke Bretter bohren.“

Wie dick diese Bretter sind, zeigt ein Blick in die Statistik: In Schleswig-Holstein haben 26,5 Prozent der verpflichteten Arbeitgeber im Jahr 2011 keine schwerbehinderten Mitarbeiter gehabt. Dies geht aus den aktuellen Daten der Regionaldirektion hervor, berichtet die dpa. Insgesamt waren von 25.774 Pflichtarbeitsplätzen für Schwerbehinderte 6.931 nicht besetzt. Dass dennoch 23.363 Schwerbehinderte beschäftigt waren, liegt an Arbeitgebern, die ihre Quote übererfüllt haben. Private und öffentliche Arbeitgeber mit mindestens 20 Beschäftigten müssen wenigstens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Mitarbeitern besetzen.

Vor diesem Hintergrund kann die Botschaft des Nachmittags nicht oft genug wiederholt werden: Es geht – wenn alle es wollen.

Verfasst von Annette Peters

Hinweis:
Der Offene Kanal Kiel hat die Veranstaltung „Geht doch.“ aufgezeichnet. Sendetermin: Sonntag, 24. November, 13 Uhr (Wiederholung um 20 Uhr).

Die Aufzeichnung ist ab sofort auch auf dem YouTube-Kanal des Lebenshilfe Landesverbandes zu sehen.

Zuschauer

Moderator Carsten Kock.

Bärbel Brüning (mit Mikrofon) dankt allen Beteiligten auf und hinter der Bühne.

Tom Klose

Musikalischer Abschluss mit Tom Klose & Band.